Brüllaffenverse, Schießprügelverse

Ein Interview

poesie-lyrik-kabinett“Zwischen Sturm und Stürmer: BILD-Schlagzeilen als Plagiate der avantgardistischen Lyrik“ heißt die Aufsehen erregende Doktorarbeit von Helena Christ. Die weist nach, dass die Schlagzeilenmacher der BILD seit Jahrzehnten bei den Dichtern des frühen 20. Jahrhunderts abkupfern. Vor allem bei den Expressionisten. Ein Interview mit BILD-Chefredakteur Kai Diekmann über Sonettenkränze, Gottfried Benn und die großen Fragen der Menschheit.

Herr Diekmann, die Ähnlichkeiten sind ja in der Tat frappierend. „Die Eisenbahnen fallen von den Brücken“, „Selbstmörder gehen nachts in großen Horden“, „Misshandelt stirbt ein Kind und zugemauert“ – expressionistische Verse. „Kinder fielen tot vom Himmel“, „Verbrecher klingeln an der Haustür“, „Drei Männer schwimmen um ihr Leben“ – Schlagzeilen der BILD. Der gleiche Sound, das gleiche Schema. Wie stehen Sie zu dem Vorwurf?

Diekmann: Wieso Vorwurf? Wieso nicht Kompliment? Warum nicht ausschlachten, was sich bewährt hat? „Brüllaffenverse, Schießprügelverse“, um einen expressionistischen Vers zu zitieren, fabrizieren auch wir! Dabei nehmen wir aber auch andere Strömungen auf. „Stürmt, Stürmt, dann wackeln auch die Iwans!“ zum Beispiel haben wir aus einer Stalingrad-Ode stibitzt. Nur eben ist der Expressionismus am suggestivsten: Provokant, überspannt, degoutant. So wie wir.

Das geben Sie so freimütig zu? Sie haben mit dem Plagiieren kein Problem?

Diekmann: Wieso Problem? Die meisten Expressionisten sind doch schon im ersten Weltkrieg umgekommen, deren Urheberrechte sind passé. Ganze Sonettenkränze können wir verwursten, eins zu eins übernehmen, auch für spaltenlange Artikel. Bald ist Benn dran. Was für herrliche Storys der auf Lager hatte! „Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte, / sah so angeknabbert aus. / Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löcherig. / Schließlich in einer Laube unter dem Zwerchfell / fand man ein Nest von jungen Ratten“, und so weiter. Fehlt nur noch ein flottes Foto.

Was verbindet Expressionismus und BILD-Boulevardismus denn konkret?

Diekmann: Vor allem die groteske Verzerrung der Realität. Der Journalist recherchiert nicht, er phantasiert. Er gibt nicht wieder, er fingiert. Er informiert nicht, er fatamorganisiert. Dann die Antiästhetik; auch wir wollen den schönen Schein durchdringen, das Wesentliche unter der Oberfläche entdecken, die Phantasien unter der Bewusstseinsschwelle, die Titten unterm T-Shirt. Auch wir setzen auf das Wesentliche der Sprache, pfeifen auf Adverbien, Präpositionen und den ganzen Firlefanz. Kurz, auch wir konzentrieren uns ganz auf die großen Fragen der Menschheit, die wir ja auch in Schlagzeilen fassen: Wird man böse geboren? Werden wir alle Afrikaner? Will Boris bei Frauen immer nur Bum-Bum?

Und was ist mit dem Oh-Mensch-Pathos?

Diekmann: Oh-Mensch ist mein zweiter Vorname! Klar kennen auch wir alle Emotionalisierungstricks, setzen auf Aggressivität und Plakativität, psalmodieren, stöhnen, schreien, hetzen in äußerster Erregung: „Kinder schreien, Männer fluchen, Frauen weinen!“, oder: „Überall Tod, Verwundete, Blut, Feuer!“ Wenn die Zeitung, die wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir sie dann?

Gibt es Gemeinsamkeiten auch bei der Themenauswahl?

Diekmann: Die Expressionisten setzten auf Human-Interest-Themen. Auch wir. Bei BILD ist der Mensch ganz Ausgangspunkt, Mittelpunkt, Angriffspunkt. Auch sonst haben wir die gleichen Stoffe: „Die sündigen Weiber, Not und Heldentum“, um einen expressionistischen Vers zu zitieren, oder frei heraus gesagt: Sex, Kriminalität und Krieg. Und dann das immergrüne Thema Geisteskrankheit! Nicht nur im Expressionismus fungiert der Irre als Kontrastfigur zum Normalbürger. Auch bei uns kommen Kannibalen, Nymphomaninnen und Politiker nicht zu kurz.

Die Lyrik des frühen 20. Jahrhunderts ist ja breit gefächert, das Label „Expressionismus“ eint verschiedenste Schreibweisen. Welche steht Ihnen am nächsten?

Diekmann: Der varietéhafte Zynismus des Jacob van Hoddis zum Beispiel, der uns zu Schlagzeilen wie „Frauenherz in Tiefkühltruhe / ihr Kopf unterm Rosenbeet“ inspiriert. Oder August Stramms kühne Wortkombinationen, wie „angstzerglüht“ oder „Peitschlust“, ohne die BILD-Bonmots wie „Euro-Angst“ oder „Nippel-Alarm“ gar nicht denkbar wären. Die ganze Bandbreite kosten wir aus, alle Tonlagen vom anklagenden Entsetzen bis zur lärmenden Heilsekstase. Nur der Trakl-Sound hat keinen Drive. Wenn da mal einer spektakulär abkratzen täte, aber immer nur dieses Herumgeleide: „Ein alter Mann dreht traurig sich im Wind“ und so ’n Zeug, drei solche Aufmacher, und die Auflage wäre im Keller.

Aber degeneriert in BILD nicht das Pathos zur Phrase, zum Schrei von gestern? Die Zeiten sind doch heute ganz andere. Auch ruhigere.

Diekmann (aufbrausend): Ruhigere?! Oh Mensch, Sie lesen wohl keine Zeitung! Sie sind vielleicht blind, ich aber sehe furchtlos vor Qual des Wahnsinns Abgrund weinen! Wir sind ja nur ein armes Gurgelwasser im Röcheln der Hure der Zeit! Heere wanken und steigen und gehen, Menschenheere, Kriegsheere, Arbeitslosenheere, Islamistenheere! BILD vorneweg, denn BILD ist die Vorhaut der kommenden Menschheit!

Seit einigen Jahren zeichnet sich eine Entwicklung ab, wie Helena Christ nachweist: BILD-Schlagzeilen werden kürzer, kühner, anarchischer, experimenteller. Kurz, BILD bewegt sich Richtung DADA. „Peepshow! Lesbisch! Schüsse! Tot!“ titeln Sie, oder „Eis! Irrer, Wettfahrt, 3 Tote“. Und während sportlicher Großereignisse geht’s auch mal rein lautmalerisch zu.

Diekmann (jubelnd): Rudi, Rudi, rallala, diese schwarzrotgeilen Zeiten! Da muss das Oh-Mensch-Pathos natürlich pausieren. Auch DADA ist grandios, auch DADA-Verse geben super Schlagzeilen ab: „Zwei Affen tanzen Schuhplattler“, oder „Hier riecht ’s nach gebratenen Kindern“. Und Hugo Balls Motto „Dichten wir das Leben täglich um“ lass’ ich mir auf den Grabstein meißeln. Die Umwertung aller Werte betreibt auch BILD, auch BILD macht Anti-Kultur-Propaganda, auch BILD wirbelt Friedenstauben und Dynamit, Hinter- und Leichenteile, Wespengürtel und Sprengstofftaillen wild durcheinander!

In einem Interview mit der FAZ sprachen Sie von BILD als „Gesamtkunstwerk“. Wenn ich da den Bogen zu Kurt Schwitters spannen darf…

Diekmann (vulkanisch): Knallige Welt, seliges Abnormitätenkabinett! Glitzerblöde Affenbolde in Zeiten der Edelmarmeladerationierung, der blasphemischen Kaugummireklamen! Huppala hupps, ha wulle wumms, bummbummkide witzky! Aber BILD ist die Sonne, BILD ist das Ei, BILD ist die Polizei der Polizei…

Aber…

Diekmann (überschäumend): BILD ist die Weltseele, BILD ist der Clou! BILD ist die beste Lilienmilchseife der Welt! B—I—L—D, Du liebes grünes Geschmier, ich liebe dir! Man kann sie übrigens auch von hinten lesen.

Herr Diekmann, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Erschienen im Eulenspiegel