Gute Leute, geile Preise

Eine Reportage

Der Aufschwung ist da! Für Zeitarbeitsfirmen und Personal-Service-Agenturen, denn das Geschäft mit den Leiharbeitern und Tagelöhnern brummt. Auch immer mehr Hilfsarbeiter mit Hochschulabschluss sind darunter, geile Leute zu geilen Preisen, so weit das Auge reicht.

Downsizing, 16,50 Euro, sechs Stunden

(c) eriwst, http://www.flickr.com/photos/eriwst/2520971070/Vermittlungscenter Fulda, Freitag, sechs Uhr in der Früh: Dutzende Männer und eine Handvoll Frauen sitzen herum und warten. Einige schnarchen, ein paar blättern lustlos in der Zeitung. Es riecht nach Bier und Bulgari. Krawatten und karierte Hemden – die meisten Wartenden sind tiptop salopp, denn der Casual Friday gilt auch für Tagelöhner. Auch Heiner K. ist darunter. Sechsmal pro Woche kommt er “auf Börse” und hofft, dass was für ihn abfällt, er für ein paar Stunden irgendwo irgendwie mit anpacken kann: Ein Meeting leiten, Gewinne maximieren, irgendwas umstrukturieren, irgendwas auslagern, wegrationalisieren. So kommt er über die Runden. „Downsizing, 16,50 Euro, sechs Stunden, Frankfurt, zwei Leute”, schnarrt der Beamte G. hinter dem Schalter ins Mikrofon. „Besser wie nischt“,  brummt Heiner K. und schnippt mit dem Finger.

Super Synergie-Effekte

Heiner K. ist Hilfsmanager, sprich Tagelöhner im mittleren Management. Die Branche boomt, Personalleasing ist das Wort der Stunde, Hilfsmanager sind in Unternehmen gern gesehen, sind dank Leistungsdruck und fehlender Mitarbeiterbindung entschlussfreudiger. Und: „Eine hohe Refreshment-Rate belebt die Unternehmenskultur, bringt super Synergie-Effekte“, verrät ein Geschäftsführer.   

Ein Warteraum extra für Akademiker, denn auch hier bleibt man gern unter sich. Zwischen all den Hemden ein paar Rollkragenpullis, auch ein paar Amtstrachten, auch ein paar weiße Kittel sind darunter. Die Stimmung ist angespannt. Keiner spricht, keiner grüßt, wenn jemand reinkommt. Nur hinten in der Ecke Gemurmel, ein Grüppchen von Gelegenheitsgeistlichen. „Eine Bekehrung hier, eine Teufelsaustreibung da, eine Beichtmitschrift für den Verfassungsschutz, so hält man sich über Wasser“, sagt Sigmar F. und gähnt. Sein Talar ist nicht mehr ganz tauffrisch, sein Beffchen hat Knitterfalten, er zieht ein Reisebügeleisen aus der Bauchtasche. „Ich erzähl Ihnen mal meine Lebensgeschichte“, sagt er, aber er wird übertönt vom Beamten G., der einen Schauprozess zum Spitzenstundenlohn von 18,50 Euro ausruft, die Juristen scharren mit den Füßen.

Phishing, 9,50 Euro, zehn Stunden

Die sind hier zahlenmäßig gut vertreten. Und Architekten. Und IT-Experten. Jede Menge IT-Experten, alle mit dem gleichen Ziel: Irgendwo irgendwas programmieren, konfigurieren, Virenschutz oder Spyware installieren, Algorithmen oder Popups kreieren. „Phishing, 9,50 Euro, zehn Stunden, Hanau, drei Leute”, verkündet der Beamte G. Guido D. hebt beide Hände, kalt lächelnd: „Ich hab’ alles gesehen und alles gemacht, alles überstanden, sogar die New Economy. Ob ich Firmengeheimnisse oder Petersilie hacke, ist mir mittlerweile schnurz.“

Weniger abgebrüht die Hochschuldozenten. Unter ihnen ist der Tonfall rauer, das Angebot rarer.  „Blockseminar: „Die Würde des Menschen als soziale Konstruktion, Marburg, 5,80 Euro, zwei Tage, zwölf Stunden“, tönt es durch den Raum. Ein Disziplinenstreit bricht aus, es kommt zum Handgemenge zwischen einem Volkswirtschaftler und zwei Soziologen. Helga G. bleibt ruhig. „Siebzig Euro, bar auf die Kralle, macht abzüglich Fahrtkosten vierzig. Haben oder nicht haben“, konstatiert die habilitierte Historikerin und hebt eine Hand, mit der anderen stopft sie die hundertste Laufmasche ihrer Nylonstrumpfhose. Was der Tag bringen wird, wie er enden wird, das weiß sie nicht. Sie weiß nur, was sie tut, wenn sie wieder leer ausgeht: Leergut sammeln, von dem gibt’s hier genug. Dann wird sie wieder unter die Sitzbänke kriechen und mit Corinna B., Psychologin, um jede Flasche  feilschen.] Über den „Aufschwung“ kann sie nur müde lächeln.

Konkurrenz im Morgennebel

Und der Trupp da draußen erst recht. Denn die Konkurrenz steht nicht nur mit im Raum, sie steht auch im Morgennebel, auf einem Parkplatz zwei Straßen weiter: Illegale Tagelöhner am Arbeiterstrich für ausländische Akademiker; noch billiger, noch belastbarer. Seit fünf Uhr stehen sie hier und warten auf Aufträge, darauf, dass ein Arbeitgeber im Bugatti oder Bentley vorbeifährt, nicht Muskeln musternd wie bei Handwerkern, sondern Denkerstirn und aufgeweckten Blick. Die meisten hier stammen aus Osteuropa, mazedonische Manager, albanische Architekten, polnische Psychologen und weißrussische Wirtschaftsjuristen mit gefährlich guten Deutschkenntnissen. Hier und da baumelt ein Schild um den Hals, „Vertrete Interessen aller Art“, oder: „Menschenversuche billig!!! Spritze alles, auch mir selbst“. Es ist kalt, viele Hemdkragen sind hochgeklappt, Ohrenkappen von Fellmützen baumeln, farblich abgestimmt, über Krawatten. Gerade stoppt ein silberner BMW Z8 mit getönten Scheiben. Eine Scheibe fährt ein Stück runter, eine Hand winkt einen jungen Mann mit einem rostigen Stethoskop um den Hals heran. Eine Stimme raunt: „Nierentransplantation, 50 Euro“. „Ich bin Orthopäde“, sagt der Mann, „dafür habe ich keine Qualifikation.“ „Dafür brauchst du keine Qualifikation, brauchst nur stillhalten können“, sagt die Stimme. Der Kofferraum öffnet sich, der Mann steigt ein.

Erschienen in der Titanic