Frischfleiß für Deutschland

Ein Ratgeber

(c) magnusvk, http://www.flickr.com/photos/magnusvk/137671298/in/set-72057594121186421/

10 000 neue Praktikumsplätze bei VIVA! Aber anstatt ihren Dank zu bekunden, hat die „Generation Praktikum“ keinen Bock mehr auf Buckeln, auf malochen für lau. „Lieber tot als devot“, skandieren Millionen Schüler- Schnupper-, Langzeit- und Lebenspraktikanten, lümmeln sich auf Demos, setzen sich ins Ausland ab oder übernehmen Papis Firma. Was tun? Wie immer neu und immer billig an Frischfleiß rankommen, wenn die deutschen Bürgerkinder bocken? Fünf Wege aus der Praktikantenklemme:

1. Gastpraktikanten

Fremdländische Praktikanten! Aus Weißrussland, Albanien oder Pakistan. Die haben Auslandserfahrung und keine Ansprüche. Kauen in der Pause devot ihre Brote, ackern bis Mitternacht und gehen dann zum Deutschkurs. Ein Anruf bei Universitäten und Arbeitsämtern in den Anwerbestaaten sollte genügen: „Hallo, hier Deutschland! Bestellung: 100 000 Praktikanten!“ Die deutsche Staats-bürgerschaft darf dabei ruhig als Lockvögelchen dienen. Und der millionste Gastpraktikant kriegt ein Zündapp-Mokick plus Blumenstrauß.

2. Wanderpraktikanten

Oder gleich alle Praktikumsplätze ins Ausland verlegen. Dann kommt auch die hiesige Jugend wieder angekrochen, denn ein Auslandspraktikum als Sahnehäubchen auf dem Lebenslauf ist ein Muss. Strandnahe Bambushütten und andere „Tochterbüros“ anmieten und die Praktikanten von dort aus zuarbeiten lassen. Denn die Online-Präsenz der Muttergesellschaft lässt sich auch aus Ostasien optimieren. Tipp: Gleich Büros auf mehreren Kontinenten anheuern. So wird die einjährige Weltreise zum verkappten Praktikum. Profi-Tipp: Büromiete sparen und die Praktikanten total mobil vom Flugzeug, der Hängematte
oder dem Baumhaus aus ackern lassen. Laptops und WLAN machen’s möglich.

3. Seniorpraktikanten

(c) Loudestnoise, http://www.flickr.com/photos/loudestnoise/168838572/Rentner, Pensionäre, Veteranen: Anstatt als neunmalkluge Seniorstudenten den Erstsemestern im Hörsaal auf den Wecker zu fallen, können die Alten ihren Eifer auch anderweitig ausleben: Als Seniorpraktikanten. Denn ein Praktikum ist prestigeträchtiger als jedes Ehrenamt und macht sich gut in den Memoiren. Also: Datenbanken statt Enten füttern! PR-Kampagnen statt Wehwehchen ausdenken! Am Ende das Praktikum mit einem Orden honorieren, Zeugnisse kennen die nicht.

4. Zwangspraktikanten

Ein Praktikum als Bürgerpflicht: Das unfreiwillige soziale / kulturelle / mediale / ökonomische Jahr für alle, und endlich auch für Frauen. Aber erst nach der Ausbildung. Praktikantenlager auf dem Firmengelände bauen. Daumenschrauben für Deserteure beschaffen. Die Kost knapp halten, sie dient allein dem Erhalt der Arbeitskraft. Ein Kaffeesurrogat aus Zuckerrüben am Nachmittag hält bei Laune.

5. Chefpraktikanten

Sollten die bisherigen Praktikanten absolut unentbehrlich sein, mit allen Mitteln versuchen, sie bei der Stange halten. Auch mal Loben. Auch mal Danke sagen. Mit Komplimenten ködern. Als Dankeschön zwischendurch ein T-Shirt mit farbigen Handabdrücken der ganzen Belegschaft. Espresso mit aufgeschäumter Milch nur von glücklichen Praktikanten. Und: Hierarchien aufbauen, Untergebene schaffen. Jeder Praktikant kriegt einen Praktikanten (s.o. Gastpraktikanten). Und dann, irgendwann, einen 3-Jahres-Vertrag aus dem Ärmel zaubern, mit Aussicht auf freie Mitarbeit.

Erschienen in der taz sowie im Jugendmagazin des Arbeitsamtes Saarland